GÖTTINGER GRUPPE / Konzern richtet sich neu aus –
Platzierungsziele nicht erreicht
Göttinger Tageblatt, 04.11.2000
"Rufmordkampagne" mit fatalen Folgen
Göttingen (soz.). Sieben Leitsätze zur Neuausrichtung des Unternehmens hat der Vorstandssprecher der Göttinger Gruppe, Dr. Jürgen Rinnewitz, formuliert. Unter dem Motto "Kooperation statt Konfrontation" erläuterte Rinnewitz gestern die neue Konzeption.
"Wir müssen auf dem Markt, nicht vor Gericht erfolgreich sein", hat der Chef des Finanzdienstleistungsunternehmens (Nummer 6 in Deutschland) seinen 853 Beschäftigten erklärt. Um dies zu erreichen und auch, um die "Rufmordkampagne" zu beenden, will Rinnewitz den gesamten Konzern umkrempeln. Ab sofort.
Vom Hauptprodukt, den atypisch stillen Beteiligungen, wird man sich nach zehn Jahren trennen, obgleich der Vorstand "voll hinter dem Produkt steht". Viele gescheiterte Nachahmer hätten den Markt verdorben, Verbraucherschützer diese Anlagestrategie als Teufelswerk verdammt. Rinnewitz: "Veränderte Marktbedingungen verlangen Anpassungen und Veränderungen." Dafür wird die Göttinger Gruppe KG-Beteiligungen anbieten, wird sich im Investmentfonds-Geschäft engagieren. Eigene Produkte sind bereits in der Entwicklung, die unter neuem Label vermarktet werden. 2,67 Milliarden DM (Stand 31.12.1998) seien noch zu platzieren, beziffert Rinnewitz das Anlagevolumen. Künftig sollen die Gelder zudem unabhängig von den eigenen Unternehmen angelegt werden, "nahezu der gesamte Teil der Anlegergelder" wird gruppenextern investiert.
Die Göttinger Gruppe, so versichert Rinnewitz im Gespräch mit dem Tageblatt, ist trotz der bestehenden Schwierigkeiten kein Übernahmekandidat. Rinnewitz: "Solange ich in Amt und Würden bin, wird es keine Übernahme der Göttinger Gruppe geben." Andersgerichtete Überlegungen beschäftigen den Vorstandssprecher von GG, Securenta AG und Tennis Borussia jedoch schon. Kooperationen und Zusammenschlüsse seien denkbar. Innerhalb der kommenden zwei Jahre solle etwas in dieser Richtung geschehen, was "nationale" Dimensionen annehmen würde. Voraussetzung allerdings sei der Ausgang der bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig auf Drängen des Bundesaufsichtsamtes für Kreditwesen anhängigen Ermittlung. Der Vorwurf: Unsichere Altersvorsorge-Finanzierung. Rinnewitz geht von einem positiven Bescheid für sein Unternehmen aus.
Die "Rufmordkampagne", wie sie es in Deutschland in diesem Maße noch nicht gegeben hat, gegen die Göttinger Gruppe habe jedoch schon spürbare Folgen: Personalabbau (auch in Göttingen zweistellig), die Verzögerung des Neubaus auf der Sieckhöhe (ursprünglich Bezugstermin Weihnachten 2000), vor allem aber die deutliche Nichterreichung des Platzierungsergebnisses in 1999.
Die Angriffe, die der Gerlach-Report vor Jahren bereits gestartet habe, hätten zudem zur Verunsicherung der Anleger, zu Stornierungen und zu den zivilrechtlichen Klagen in erhöhtem Maße geführt, schildert Rinnewitz die Lage. Den angerichteten Schaden für das Unternehmen schätzt der Vorstand auf einen zwei-, möglicherweise dreistelligen Millionenbetrag.
Kommentar zur Pressemitteilung der Göttinger Gruppe
4. November 2000
Da haben wir es nun. Die Göttinger Gruppe nimmt ihr Hauptprodukt, die atypische stillen Beteiligungen, vom Markt und will sich zukünftig im Investmentfonds-Geschäft engagieren, so der Vorstandssprecher der GG, Dr. Jürgen Rinnewitz.
Die "Rufmordkampagne" der Presse habe die GG zu diesem Vorgehen veranlaßt. Viele gescheiterte Nachahmer hätten den Markt verdorben. In Zukunft wolle man nahezu den gesamten Teil der Anlegergelder gruppenextern investieren (sic!).
Die GG sei durch die negative Berichterstattung in den Medien zu diesem Schritt gezwungen worden, obwohl man nach wie vor hinter dem Produkt der atypisch stillen Beteiligungen stehe.
Für die bereits geschädigten Anleger hat dies allerdings keine Konsequenzen. Wir werden selbstverständlich weiterhin die Interessen dieser Anleger vertreten und vergleichsweise und auch gerichtlich erfolgreich durchsetzen.
Dieser "Schachzug" der GG soll ersichtlich der öffentlichen Kritik den "Wind aus den Segeln" nehmen und das "Standing" der Göttinger wiederherstellen.
Dass sich die eigentlichen Macher als Opfer darstellen und dies auch noch unter Ausblendung jeglichen eigenen Fehlverhaltens gegenüber den Anlegern, ist schlicht eine Verkennung der Tatsachen. Aus Sicht der GG hat das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen, welches ein Ermittlungsverfahren gegen die Verantwortlichen der GG bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig angeregt hatte, die Hauptschuld an der Entwicklung.
Man habe einen zweistelligen Personalabbau hinzunehmen sowie einen deutlichen Plazierungsverlust in 1999 und 2000.
Fazit
Die GG trennt sich von dem höchst zweifelhaften Produkt der atypisch stillen Beteiligungen, um die schärfsten Kritiker auszuschalten und vor allem um wieder "erfolgreich" Geld verdienen zu können. Möglicherweise geht dieser Schachzug aber in die falsche Richtung, da handfeste Konsequenzen für die atypisch stillen Gesellschafter nicht ersichtlich sind und diese weiterhin ihre begründeten Ansprüche verfolgen werden. Ob für etwaige außergerichtliche Vergleiche genügend Liquidität zur Verfügung steht, steht noch dahin.
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